Die Sache mit der Geburt ....
Damals, es war tiefer Winter, der Schnee lag angeblich 10m hoch, so genau
weiss ich es auch nicht mehr, da kam meine mir spaeter vertraute Mutter
auf die Idee, mich in diese Welt zu entlassen. Das ich dies als Wassermann
tat, muss wohl bereits bei dem Vorgang des Geborenwerdens ausschlaggebend
fuer das komplizierte Prozedere gewesen sein.
Wie ich so eines Morgens frueh gegen Vier friedlich vor mich hindusele,
wird es auf einmal hell in meiner Bude. Irgendetwas schob mich langsam aber
sicher aus meiner jetzigen Lage, einem zugegebenermassen etwas diffusen
Licht entgegen. Schon wollte ich maechtig zu schimpfen anfangen, dass man
hier nicht mal in Ruhe schlafen kann, da packte mich doch ploetzlich ein
undefinierbares, grosses Etwas. Und zog auch noch. „Schieben, nicht
ziehen!“, wollte ich schon bruellen, aber es war schon zu spaet. Also
beschloss ich erstmal zu schweigen und abzuwarten, wer sich denn als der
naechtliche Ruhestoerer herausstellen wuerde. Ein mir voellig unbekannter
Herr in Weiss, der mir kurz darauf als Doktor vorgestellt wurde, machte
sich an meiner Mutter und mir zu schaffen.
Der Onkel Doktor - damals nannte ich alle Onkel - hat mich dann kurz nachdem ich meinen Kopf, ob der ungewohnten Lichtfuelle mit einem Stirnrunzeln, rausgesteckt hatte zum ersten Gebrauch meiner Stimmbaender animieren wollen und taetschelte mich mit zwei Haenden wie Dampframmen. Nun, ich glaube es war sehr spassig, irgendwelche Witze hat er gerissen. Die hatten aber schon so einen Bart, dass sich meine Denkerstirn noch mehr kraeuselte. Wegen dieser offensichtlichen Missachtung seiner Bemuehungen, als Komiker aufzutreten und dem dadurch wohl vorzeitigen Ende als ebensolcher, hat der Onkel Doktor natuerlich ziemlich dumm aus der Waesche geschaut. Mein Schweigen schien ihn dann doch ziemlich fertig zu machen. Mit grossen, leicht verschwom-menen Augen habe ich ihm ernst ins fassungslose Gesicht geschaut, darauf wartend das doch noch ein paar Witze mehr kommen sollten. Aber da kam nix ....
Ich wollte ihn schon mit den neuesten Schoepfungen dieses Genres versorgen, doch ich bekam keinen Ton heraus. Weil mein Verhalten seine Autoritaet als Facharzt wohl langsam zu untergraben schien, wurde dieser Mensch ziemlich unhoeflich und begann mich mit kalten Wasser zu traktieren. Mir als Wassermann sollte das natuerlich nichts ausmachen, aber es schockierte mich dann schon ein wenig, als mich dieses Wesen so mir nichts, dir nichts kaltbluetig mit etwas ziemlich Kalten und Nassen behandelte. Zunaechst nahm ich diese Prozedur noch ziemlich gelassen hin und fand, dass es ja ganz schoen sei, gleich ein Bad zu bekommen, obgleich das feuchte Element nicht die dafuer passende Temperatur aufzuweisen hatte. Als dieser Wueterich ueberhaupt nicht mehr aufhoeren wollte, platzte mir irgendwann der Kragen. Da es mir als ziemlich sinnlos erschien, laute Tiraden vom Stapel zu lassen, hatte ich logischerweise sofort heftiges Heimweh nach hinten, dorthin wo es schoen kuschlig warm gewesen war und weil diese begriffstutzigen Menschen dies mit einer Ignoranz zur Kenntnis nahmen, die ihresgleichen vergeblich sucht, begann ich dann doch mit einer Art hoeheren, langgezogenen Pausenton auf meine Wuensche aufmerksam zu machen. Und siehe da - zurueckgelassen haben sie mich zwar nicht, aber ploetzlich waren alle hell auf begeistert.
Dummerweise dachte keiner daran, dass ich immernoch da rum lag - unabgetrocknet, mit nassem Haar (oder hatte ich das damals noch nicht?). Endlich haben sich die Anwesenden wieder eingekriegt und sich zur Abwechslung mal nicht mit sich selbst, sondern auch mal mit mir beschaeftigt. Das hat mich dann wieder einigermassen ruhiggestellt - allzu dumm kann es auf dieser Welt ja doch nicht zugehen, dachte ich so bei mir. „dududu dadada“ - drang an mein Ohr. Na also, so schwer kann die Sprache auch nicht zu erlernen sein. Die Bedeutung dieser offenbar mit freudiger Erregung eng verbundenen Lautaeusserungen verstand ich zwar nicht, doch machte ich erstmal gute Miene zu diesem Spiel. Also stellte ich das Geheule ein und versuchte hinter den Sinn dieser Sprach-Mimik-Kombination zu kommen, was mir auch mit allergroesster Konzentration nicht gelang. Ich beschloss, die Aufdeckung dieser Verhaltensweise erstmal wegzuschieben und bekam einen felsenfesten Gesichtsausdruck. Ich musterte verstaendnislos die herumstehenden, mich wie einen Ausserirdischen betrachtenden Gestalten. Gespannt wartete ich was jetzt wohl kommen sollte.
Irgendwie hatte ich mitbekommen, dass kurz nach dem ich aus meiner bisherigen Behausung gefallen bin, an mir rumgeschnippelt worden war. Aengstlich dachte ich mir, dass jetzt an mir irgendwo ein Loch sein mueste oder das sie mir bestimmt was extrem wichtiges weggenommen hatten. Spiegel hatten sie keine hier - die wussten schon warum. Angespannt nahm ich also meine sieben Sinne zusammen und untersuchte mit einigen Anstrengungen meinen Koerper. Nee - schien alles noch da zu sein. Folglich muessen die da vorhin was unnuetzes beseitigt haben. Na vielleicht besser so. Oder doch nicht? Langsam viel mir auf, dass ich ein ziemlich ungesundes Aeusseres hatte - alles war irgendwie in rote Farbe getaucht. „Laufe ich aus? - Ich bin undicht!!! - Also doch ein Loch. - Merder!“ durchfuhr es mich. Da lassen die mich hier in meinem eigenen Safte schmoren und lachen mich noch aus dabei. Mir war ja schon zu Ohren gekommen, dass es Menschen geben sollte, die aus freien Stuecken ihr Lebenselexier irgendwelchen Behaeltern anvertrauen, aber dass ich bereits kurz nach meinem Erstbesuch auf dieser Welt dran glauben sollte, wollte mir irgendwo nicht gefallen. Nicht mal gefragt hatten sie mich. Unverschämtheit! Oder war hier ein etwas perverser Kuenstler am Werk, dem ich Modell stand - aehm lag? Neugeborenes in Rot?
Ziemlich genervt wegen diesem Gefuehl des Hilflos-Ausgeliefert-Seins, protestierte ich gegen die Vernachlaessigung meiner Person indem ich aufs Heftigste mit meinen kleinen, aber doch schon etwas muskuloesen Gliedmassen um mich schlug, in der Hoffnung, mit dem bestimmt immensen Schaden, den ich damit anrichtete, auf dieses offensichtliche Fehlverhalten hinzudeuten und zu fordern, dass die entsprechenden Gegenmassnahmen eingeleitet werden wuerden. Ich bemerkte mit zufriedenen Gesicht, dass ich wiedermal meinen Willen durchgesetzt hatte. Denn ploetzlich kam diese huebsche Schwester, ganz in Weiss, mit einem ziemlich kleinen Wischtuch, welches wohl etwas zu heiss gewaschen worden war, und begann, an mir zu hantieren - ueberall !!! Nicht das ich dieser Prozedur ernsthaften Widerstand entgegengesetzt habe, es gefiel mir stellenweise sogar ... Aber diese abgebruehte, wohl schon durch unzaehlige aehnliche Vorgaenge gestaehlte Zeitgenossin schien das nicht im geringsten anzuheben. Also liess ich mich fallen und alles mit stoischer Ruhe ueber mich ergehen. Und siehe da, nachdem diese merkwuedigen Taetlichkeiten abgeschlossen waren, sah ich einem zukuenftigen Menschen gar nicht mal so unaehnlich. Nur das kaemmen hatte die gute Fee vergessen ...
Letztendlich steckten sie mich dann wieder zu meiner Mutter, welche ziemlich
geschafft aussah. In der gleichen Bude lag noch eine Frau mit nem Bengel.
Staunend schauten wir, der Bengel und ich, uns an und stellten uns erstmal
gegenseitig vor. "ato Joerg" oder so was sagte ich, genau kann
das bis heute keiner rekonstruieren. "ato Joerg" kam es zurueck.
Wo hatten die hier den Papagei versteckt? Ich hatte ja in den letzten Stunden
schon die merkwuerdigsten Sachen mitbekommen, aber ein Zimmer mit eingebautem
Echo - wow. Baff schaute ich ins andere Bett rueber, - sollte ....
Ach was, gibts doch gar nicht, dachte ich, der kann unmoeglich auch Joerg heissen. Und doch es war so. Er war 2 Stunden vor mir hier gewesen. Wie er das gemacht hatte ist mir unklar. (Das ulkigste sollte uns beiden Jahre spaeter passieren. In der Lehre traf ich ihn dann wieder, er sass neben mir. Das provozierte selbstverstaendlich die schoensten Verwicklungen. "Joerg!" - und zwei Mann schauen missbilligend zum Leerkoerper, von einem Tisch! Was habe wir gelacht. Aber gut; das spielte sich in einer ganz anderen Epoche ab. )
Nun, meine ersten Bekanntschaften mit dieser Welt und deren Bewohnern schloss
ich an einem kalten Februartag, dem siebten, glaub ich. Jedenfalls tun an
diesem Tag alle so, als waere er was besonderes, was mich meistens ziemlich
kalt laesst. Jetzt im hohen Alter denkt man maximal daran, dass es nur noch
ein paar Jaehrchen bis zur 50 sind .... ;-)
