Unheimliche Begegnungen

Nachts ist es dunkler als draußen. Sagt man. Außerdem sieht man bei Dunkelheit drastisch weniger, als wenn die Sonne im Zenit steht. Für Radfahrer wie mich stellt die Umstellung der Uhren von Sommerzeit auf Winterzeit jedes Jahr aufs Neue eine Herausforderung dar. Die Augen der Radler müssen sich wieder an veränderte Sichtbedingungen anpassen, was eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt. Wenn es schlagartig früher dunkel wird, stellt der Feierabend die erste Hürde für mich dar. Im Laufe der folgenden Wochen zieht dann der Morgen nach. Tageslicht kenne ich dann nur noch vom Blick aus dem Bürofenster.

Gestern Abend schrieb ich über den ersten Nachtflug von Freddy, das Schlachtbike. Doch blendende Gegenautos auf der Straße im Zusammenspiel mit technischen und psychologischen Problemen sind nur eines der Übel, mit denen sich Nachtradler auseinandersetzen müssen. Denn …… in der Dunkelheit lauern sie. Potentiell hinter jeder Ecke, die nicht durch eine strombetriebene, gemeine Straßenlaterne bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet wird:

Unheimliche Wesen – Dark Warrior – Episode 1

Ein oder zwei Tage nach der Flugeinlage sollte es nicht so lange dauern bis wieder ein Adrenalinstroß durch meinen Körper wogte. Bereits auf der blumenkastenverseuchten Abfahrt scheint es kurz vor dem Auslauf des Hanges hin und wieder lokal begrenzte Stromausfälle zu geben. Zu Beginn einer schnuffigen, zackigen S-Kurve steht eine dieser Laternen und diese wird offenbar häufiger von einem Energieloch heimgesucht. Zapp – aus das Ding. Das Blöde an der Sache ist, dass auf der Innenbahn der Kurve zwei mordsmäßige Dellen ein entspanntes Rasen fast unmöglich machen. Selbst bei hellster Witterung fordern diese Bodenwellen den ihnen zustehenden Respekt. Wer daran nicht denkt, findet sich ganz schnell in der Lage wieder, heftigste Sehnsucht nach Bodenkontakt zu haben. Das gilt für Radfahrer. Doch selbst eingefleischte Haudegen von Autofahrern fluchen über die Löcher schon bei Tageslicht. In der frühen Dunkelheit des Abends aber lauern die Teufelswellen still und heimtückisch auf unachtsame Naturen.

Ich kenne die beiden Rabauken und weiß, wann ich den überlebenswichtigen Bremsprozess einleiten muss, um die Stellen gefahrlos passieren zu können. Ich habe den Dreh sogar so gut raus, dass ich die Wellen quasi reite. Genial. Bei Helligkeit. Bei Dunkelheit nehme ich die Stelle weniger schnittig, steige aber nicht deswegen ab.

Um auf den besagten Abend zurückzukommen brettere ich also den Berg hinab und fetze kontrolliert in die S-Kurve hinein … Aaarrgghhhh!

WAS ZUM GEIER MACHT DIESER UNBELEUCHTETE MENSCH MITTEN AUF DER STRASSE?

Ich glaubte es fast nicht, aber mitten in meiner Flugschneise, stand ein Zombie. Der potentiell untote Tote war schwarz gekleidet, was durch das (absichtlich herbeigeführte?) Fehlen jeglicher Straßenbeleuchtung noch verstärkt wurde. Die Gestalt ließ keinerlei Ambitionen durchblicken, irgendwie von selbst das Leuchten anzufangen. Im Gegentum – stattdessen schien sie das wenige Zwielicht verschlucken zu wollen.
Mit einem Schritte flüchtete die Erscheinung aus meiner Schußrichtung und ich schoß binnen einer Millisekunde vorbei! (Wirklich! – Dieses mal dauerte es länger als eine Nanosekunde. Ich hatte als ortskundiger Radraser ja die Kurve angebremst, wodurch folglich die Zeit langsamer vergeht, die man zum Zurücklegen von Radmetern benötigt. Ende Physikstunde.)

Dieses plötzliche Aufblitzen dunkler Lebensenergie an einem dunklen, gefährlichen Ort, den diese unbeleuchtete, verwellte S-Kurven-Einfahrt nun mal darstellt, sorgte für einen gehörigen Ausstoß von Adrenalin, welches abzubauen mir die folgenden Radkilometer aber gelang.

Unheimliche Wesen – Dark Warrior – Episode 2

Wiederum wenige Tage später. Der Nachtzombi ließ sich seit seinem plötzlichen Auftauchen nicht mehr blicken. Vielleicht erholt er sich noch immer von dem Schock, den mein plötzliches Auftauchen mit aufgeblendetem Flakscheinwerfer in seinem Dunstkreis womöglich ausgelöst hatte. Wer sagt denn, dass er das Problem war? Genau so gut kann ich mich ja auch als SEIN Problem sehen. Egal. In meinen tränenden Augen war er der Blöde.

Apropos tränende Augen: Ein lustiges Phänomen seit der Winterzeitumstellung und dem damit einhergehenden Verzicht auf eine Brille ist, dass bei der Abfahrt immer die Augen anfangen zu tränen. Vom Fahrtwind! Glücklicherweise ist es so dunkel, dass niemand diese Tränen sieht und womöglich fehlinterpretiert.

Meine Fahrt geht dann über einige Kilometer recht geruhsam und gut ausgeleuchtet weiter. Dann aber zweigt mein Pfad in die Wildnis ab. Eine weitere Abfahrt führt mich auf einer Straße zwischen Obsthainen und Äckern hindurch. Der Hügel ist ebenfalls performanceoptimiert, was heißen soll, dass ich beim Abfahren einen guten Zacken draufbekomme. Mit leichter Rückenwindunterstützung sind auf diesem Teilabschnitt der Fahrt Geschwindigkeiten jenseits der 50km/h-Marke keine Seltenheit. Ich gehe hier bei optimaler Beleuchtung – also tagsüber – immer in diese angeberische „flache“ Rennradfahrerposition, d.h. das Kinn berührt fast die Lenkerstange, während der Arsch versucht daraus irgendein windschnittiges Gesamtprofil zu basteln. Dann flutsche ich durch die Luft und nehme richtig Fahrt auf. Ein super Gefühl! Nicht so wenn es dunkel ist, denn …

.. vor mir sehe ich … Nichts. Abgesehen von dem durch mein Owleye beleuchteten, direkten Fahrtweg, versinkt die Welt außerhalb des Lichtkegels in absoluter Finsternis. Aufgrund der Abgelegenheit dieser Teiletappe, verzichtete die Zivilisation hier sogar auf die Installation von Straßenlaternen. Auf die Idee, zumindest für die Abendzeit ein paar Fackeln entlang des Straßenrandes zu werfen ist offensichtlich noch niemand gekommen.

Nachtszene eines Waldweges

Nachts in der Wildnis lauern sie … unheimliche Wesen.

Ich donnere also verhalten dieses Sahnestück von Abfahrt hinab. Links: dunkel. Rechts: dunkel. Ab 10m vor mir: absolut dunkel, weil sich da auch noch ein düster drohender Wald aus dem Boden erhebt, vor dem die Straße dann einknickt. Meine Konzentration ist auf den schmalen beleuchteten Bereich gerichtet, in welchem ich was sehen kann. Das ist wichtig, denn die Straße ist jetzt im Herbst sehr oft so durch die Traktoren der Bauern verdreckt, dass sie einer Buckelpiste der schwarzen Kategorie gleicht.

Ich fahre übrigens immer noch den Berg hinunter und habe jetzt etwa die Hälfte geschafft.

Auf einmal springt 2 (ZWEI!) Meter VOR mir ein Reh von rechts nach links über die Straße.

Ich bin schier umgefallen und habe das Reh „Blödes Vieh“ geschimpft. Wieder dieses Adrenalin, welches im Körper unmotiviert herumschwappt. Die folgenden ungefähr 100m habe ich ca. 5000mal „blödes Vieh“ gedacht und fortwährend den Kopf geschüttelt. Was hatte ich doch für wahnsinniges Glück mal wieder gehabt. Das blöde Reh hätte nur meine Geschwindigkeit falsch einschätzen müssen und mich aus Versehen oder mit Absicht einfach über den Haufen gerannt. Mit unabsehbar unangenehmen Folgen für mich. Und für sich selbst vermutlich. Aber warum?

Mit meiner Owleye-Fahrradlampe bin ich ein Leuchtturm in der Finsterniss. Warum zum Geier Reh muss sich das Biest eine Nanosekunde vor mir über die Straße bewegen und mich dabei völlig ignorieren! Ich weiß, dass es mich ignoriert hat, denn das Reh hat mich keines Blickes gewürdigt. Nicht mal verschmitzt gezwinkert hat es mit seinen großen, glitzernden Bambiaugen, als es durch meinen Lichtkegel hüpfte. Dieses Reh muss mich schon von weitem gesehen haben. Das es nicht warten wollte, bis ich vorbei war und dabei das Reh aufgrund seiner Unsichtbarkeit  nach besten Wissen ignorieren konnte, führt mich unweigerlich zu der Schlußfolgerung, dass es ein … Suizid-Reh war? Nein, den Gedanken verwarf ich gleich wieder. Die Gegend da ist ein absolutes Eldorado für Rehe: spährlich bervölkert, viel lecker Obst und noch viel mehr üppiger Wiese und Wald zum verstecken. Nein – das war kein Suizidversuch gewesen. Dann bleibt nur noch eines ….

Das Reh wollte mich mit voller Absicht erschrecken! – Das blöde Vieh! Das ist gelungen!

Dieses unheimliche Reh beschäftigte mich die ganze Heimfahrt. Wenn ich höre, dass Rehe mitunter Autos erschrecken wollen und sich dabei so dusselig anstellen, dass sie verenden, dann verstehe ich das Grauen der Autofahrer vor derlei Begebenheiten. Das nun mir als Radfahrer genau das gleiche passieren musste! Autofahrer haben zum Schutz ihrer körperlichen Unversehrheit immer noch das Auto um sich herum, welches den Großteil der kinetischen Aufprallenergie absorbieren kann. Aber was habe ich als Radfahrer zum Schutz? Nichts. Ich stelle es mir als nicht sehr prickelnd vor, mit ungefähr 40km/h in ein aus totaler Finsternis herausrasendes Reh zu knallen.

Aber glücklicherweise ging dieser Kelch an mir vorüber.

Unheimliche Wesen – Dark Warrior – Episode 3

Diese Episode widmet sich in aller kürze einer weiteren besonderen, lichtscheuen Spezies, welche uns Nachtradler ziemlich gefährlich werden kann: Jogger!

Warum um Himmelswillen müssen Jogger bei Nacht auf einem Radweg joggen, der entlang einer stark befahrenen Landstraße verläuft? Die Straße wird von Autos befahren, welche aufgrund der fehlenden externen Beleuchtung ihre eigene einsetzen. Das bedeutet viele, vielen vorbeiflitzende Sonnen, die mir mal direkt in die Augen scheinen, und ein andermal durch kleine Sträucher am Straßenrand Schattenspiele auf dem Radweg veranstalten. Diese Kakaphonie aus Dunkelheit und wild tanzenden Lichtexplosionen macht das Radeln eh schon zur Tortur. Und wenn dann auch noch Jogger ohne eigene Lichtemissionen vor dir aus dem Boden schießen, dann möchte ich einfach anhalten und diese personifizierten Fahrlässigkeiten anbrüllen, ob sie noch ganz bei Troste sind. Es gibt alles mögliche an Blinkerzeug heuzutage, welches man sich um Beine, Arme, Hüften, Heiligenschein oder sonstwas ummachen und damit anderen von der eigenen Existenz künden kann! Warum also muss man in einem schwarzen Jogginganzug, auf einem unbeleuchteten Radweg, an einer lichtüberschwemmten Straße joggen? Ich verstehe es nicht. Die einzige Erklärung die mir dazu einfällt ist, dass diese Menschen(?) einfach dumm sind.

So – und jetzt habe ich mich genug aufgeregt. Ich könnte jetzt noch über die völlig von der Muffe gepufften Radfahrer herziehen, die meinen, mit einer Flutlichtanlage am Rad UND auf dem Kopf jemanden beeindrucken zu müssen. Und das auf sehr gut beleuchteten Radwegen – aber das schenke ich mir jetzt. Die sind einfach nur doof. (*)

Und die Vollhonks erst, welche große, massige, schwarze(!) Müllcontainer so an die Straße stellen, dass sie bei Dunkelheit nahezu unsichtbar sind und (auch bei Tageslicht) die Sicht auf den dahinterliegenden Radweg versperren, so dass man nicht sieht, ob da jemand entgegenkommt. Das sind mir die „Allerliebsten“. Irgendwann sprenge ich die Dinger einfach weg.

Bevor ich jetzt noch nen Herzkasper im Nachhinein bekomme, beende ich die Berichterstattung über diese unheimlichen Nachtwesen und Verkehrsbehinderer, welche einem gestandenen Radfahrer das Leben abrupt nehmen können. Mögen dir meine Erfahrungen eines Tages helfen.

Owleye - eine wirklich helle Fahrradlampe

Fahrradlampe Owleye – ein begeisterndes Stück

* Muss ich an dieser Stelle ganz still sein? Mein Owleye ist vielleicht auch eine Blendlaterne aller erster Sahne. Ich weiß es nicht, denn ich fahre mir ja nie selbst entgegen! Allerdings habe ich meine Fahrradlampe so justiert, dass sie ihren Lichtkegel ab knapp 3m vor mir auf den Radweg wirft. Mit einer „Brennweite“ von ungefähr 4m leuchtet sie einen stinknormalen Radweg bis zu beiden seitlichen Begrenzung aus und ermöglicht es mir, Schlaglöcher und anderen Hindernisse rechtzeitig zu erkennen. Ich weiß, dass sie im vollen Energiemodus auch gehörig weiter nach vorn strahlt. Allerdings blende ich in beleuchteten Gebieten grundsätzlich ab. Das kann mein Owleye nämlich- die Intensität der Lichtemission ist dann deutlich reduziert und damit potentiell weniger blendend.
Im Gegensatz zu mir habe ich bei bei vielen entgegenkommenden Radlern keine, oder nur eine ganz schwache Beleuchtung des Weges vor ihnen erkannt. Das heißt nichts anderes, als dass deren Lichtwaffen einfach nur geradeaus nach vorn strahlen und folglich nur dazu da sind, entgegenkommende Radler bereits von weitem zu warnen, dass sie gleich in so etwas wie die Landelichter von UFOs hineinfahren. Das die Träger dieser Waffensysteme selbst gröbere Hindernisse auf dem Weg direkt vor ihnen sehen, halte ich mit deren Einstellung der Fahrradlampen für ausgeschlossen. Wie doof muss man sein …. *piiieeeeepp*

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