Richtfest

Letzten Freitag war es soweit: Richtfest! Eigentlich hätte dieses ja schon eine Woche vorher stattfinden können, aber da konnten wir nicht. Mehrtägige gesellschaftliche Verpflichtungen sind nicht so einfach wegen eines Richtfestes zu verschieben. Ich weiß – die Prioritäten müßten eigentlich beim Richtfest liegen. Doch da dies nur einen Bruchteil der beteiligten Personen betraf schlug die Waagschale in die andere Richtung aus. Ich muss dem Ganzen zugute halten, dass das Event ein Erfolg war, an dem meine Software einen nicht unwichtigen Anteil hatte. *eigenlob*

So ein Richtfest ist etwas besonderes. Vor allem wenn es das erste Richtfest ist. Noch mehr, wenn es das eigene Richtfest ist. Das ist Fakt. Die Vorbereitungen dafür bestanden im ersten Teil darin, sich zu informieren, wie so ein Richtfest denn abläuft. Muss ich eine Rede halten? Was zum Geier sage ich dann? Was gibts zu futtern und zu trinken und wieviel von allem? Oder wie geht Richtfest eigentlich richtig?

Nun – in aller Kürze:

  1. Die Zimmerleute steigen mit Glas und Schnaps/Wein aufs Dach. Dabei transportieren sie auch den Richtkranz bzw. den Richtbaum – was halt gerade da ist. Beiden gemeinsam ist der Schmuck, welcher in bunten Bändchen sowie weiterem Zierrat besteht. Wichtig ist, dass jeder der Zimmerleute ein Glas hat. Folglich muss der Schnaps bzw. der Wein in ausreichender Menge zur Verfügung gestellt werden. Man sagt, es soll ein guter Wein sein. Kein Weinessig! Es ist vermutlich nicht so gut für den Haussegen, wenn die trinkende Mannschaft den Trunk auf unappetitliche Art und Weise gleich wieder von sich gibt. Ich habe das aber noch nicht verifizieren können. Außerdem wollte ich das nicht ausgerechnet beim eigenen Haus ausprobieren.
  2. Der Chef der Zimmermänner trägt dann den Richtspruch vor. Das ist eine mehr oder weniger lange Folge von Versen, die sich allesamt um den Hausbau drehen. Hin und wieder wird die versammelte Zuhörerschaft aufgefordert, in den Lobgesang mit einzustimmen und bspw. „Hoch, Hoch, Hoch“ zu rufen. Hier erlaubte ich mir einen kleinen Fauxpas: beim ersten gemeinsamen „Hochzen“ klatschte ich frenetischen Beifall, der komischerweise nur sehr, sehr zaghaft erwidert wurde. Unter den Zuhörern fanden sich nur ein, zwei Handpaare, die – vermutlich auch aus Unsicherheit – verhalten mitklatschten. Das kam mir sehr sonderbar vor, denn ich hatte eigentlich erwartet, dass ein großes Jubilieren beginnt. Völlig daneben. Aufmerksam und misstrauisch geworden erkannte ich meinen Fehler und stimmte fortan in die Hochrufe ein, ohne die Pranken zu bewegen. Auch als der Richtspruch zu Ende war, zögerte ich taktisch gewieft erst ein paar Zehntelsekunden und lauschte, ob jemand klatschte, der offenbar mehr Erfahrungen mit Richtfesten hat. Das funktionierte hervorragend.
  3. Die Zimmerleute prosten der Allgemeinheit zu und dann wird das Glas des Redners geworfen. Oder fallen gelassen. Der Erdanziehungskraft überantwortet. Das ist ein heikler Punkt in der Richtfestzeremonie, denn: das Glas muss kaputt gehen. Bleibt es ganz – bedeutet das schlimme Sachen für das Haus. Genauers konnte ich nicht herausfinden, aber ich vermute mal, dass dies soviel wie 30 Jahre abwechselnd Feuer und Hochwasser bedeutet. Bei Holzhäusern kommen noch alle halbe Jahre neue Holzwurmpopulationen hinzu. Das ist jedoch unbestätigtes Halbwissen von mir.
    Unser Glas – ein wohlüberlegtes langstieliges Champagnerglas – zerbrach zumindest mal in der Mitte durch. Ich denke, dass dies auch unter den strengen Augen von irgendwem als eindeutig „kaputt“ durchgeht. Den Rest besorgten die Kids, welche dem Glas mit Schmackes den Rest gaben.

Anschließend wird gefeiert und gefuttert und getrunken. Es könnten noch hunderte Worte in wohlweislich vorgeformten Sprüchen und Sätzen gewechselt werden, doch ich habe gelesen, dass Handwerker weniger an Worten als viel mehr an etwas handfestem zum Trinken und zum Essen interessiert sind. Also zeigte ich wo die Bier- und Radlervorräte stehen und stellte die Grundversorgung sicher. Anschließend begab ich mich zum Grill, den ich flux anfeuerte.

Wir hatten kalkuliert, dass jeder der Richtfestler (19 Erwachsene zzgl. fast zwei Handvoll Kinder) mindestens 2 Steaks und 1 bis 2 Bratwürste essen würden. Tags zuvor hatte ich ein 2,3kg großes Halsstück zu Steaks verarbeitet: eine Hälfte a’la Rostbrätl mit viel Bier; die andere Hälfte mit einer spontanen Eigenkreation als Marinade. Ich würde das nie wieder so hinbekommen, also habe ich die genauen Zutaten schon wieder vergessen. Ich weiß noch, dass ich erstaunlicherweise keinen Rotwein im Haus hatte und deshalb zu Balsamico griff, was einen Honig-Konter mit sich zog. Diverse Würzereien dazu und … ich habs probiert und fand es essbar lecker. Insgesamt kam ich so auf 23 Steaks. Dazu die 20 Würste sowie noch mariniertes Hähnchenfleisch. 15 Cevapcici waren auch noch da, nebst 4 eingelegten Feta-Käse. Für die vegane Fraktion und weitere Gemüsegriller gesellten sich noch massig Grillgemüse, mit Kräuterbutter gefüllte Champignons und Tempeh, eine Art veganer Fleischersatz, der aussieht wie eingelegte Reiswaffeln (mein ganz persönlicher Eindruck). 6 Baguette steuerten wir auch noch dazu bei. Unsere familiären Gäste waren angehalten für Salate zu sorgen, was sie auch dankenswerterweise taten. VIELEN DANK!

Mit nur einem Grill ausgestattet begann das Wettkampfgrillen: für das Wohlergehen der Handwerker und Gäste; gegen das Wetter, welches mit Gewitter drohte. Ich war eigentlich die nächsten 2 Stunden permanent mit Bestücken des Grilles, Wenden des Grillguts und Abräumen des Grills und Wiedervonvorn des Grills beschäftigt. Aber es wurden ziemlich schnell alle satt. So schnell, dass ich noch jede Menge Grillzeug hatte, aber keine Hungernden mehr. Bis auf 3 Steaks wurden alle weggefuttert. Würstchen hatte ich noch 8 übrig. Grillgemüse war in rauen Mengen da (was gut am Wochenende verbraucht wurde!). 2 der Fetas wurden nicht mehr gegrillt. Alles in allem eine zufriedenstellende Bilanz. Es musste keiner hungern.

Tja – dann mussten die Handwerker leider gehen und ich konnte mich so zumindest kurz bei ihnen bedanken.
Wir saßen noch solange im Haus, bis …. Nein – das Gewitter kam nicht. Es sandte uns ein paar heftigere Böen, aber weder Regen noch Blitz noch Donner. Es wurde lediglich dunkel, was sich als gravierender Umstand herauskristallisierte, da wir noch nicht über elektrisches Licht im Haus verfügen. An Kerzen hatte niemand gedacht. Es war aber noch eine lustige Runde. Witzig ist, dass mein neuer Nachbar nur ein paar Jahre vor mir an der gleichen Uni studiert hat wie ich. Sehr interessanter Zufall. 🙂

Letztlich war es ein sehr schönes Richtfest. Ich kann nur keine weiteren Bilder davon posten, denn auf den wenigen die ich zu schießen in der Lage war, sind die wackere Zimmerleute drauf. Nach der deutschen Rechtsprechung muss ich mich ihrer Zustimmung versichern, damit ich ein Bild mit ihnen hier posten darf. Ich muss das mal nachholen. Deshalb prangt über diesem Artikel nur ein Bild-Ausschnitt. Immerhin mit dem hübschen Bäumchen.

Nur eines nagt an mir mit Vehemenz:
Ich bin mir die ganze Zeit noch unsicher, ob ich nicht meinen Grillmarathon unterbrechen und ein paar hochoffizielle Dankesworte an die fleißigen Handwerker hätte richten sollen. Ich finde, dass hätte sich unbedingt gehört. War das ein grober Schnitzer von mir? Ist dieser heilbar? Und wenn ja – wie? Wie wird die Rache der Zimmerer aussehen, wenn ich mir eine Lästerung ihrer Arbeit habe zu Schulden kommen lassen? Hach – diese Zweifel.

Hmmm. Falls jemals einer unserer Super-Zimmerleute hier lesen sollte: Danke – ihr seit Spitze und ich würde jederzeit wieder mit euch bauen! Auch wenn wir uns zum Richtfest das erste Mal sahen – das was ihr am Haus geleistet habt, ist enorm und somit verneige ich dankend mein Haupt vor euch! Danke! Danke! Danke! – ähm  – Danke! Genau. 🙂

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