Meine Social-Media-Bubble

Neulich wieder fiel es mir im Zug morgens auf: Ich stolpere in den Waggon. Er ist voll. Stehplatz – na toll. Ich zücke mein Smartphone und daddle mich durch die Tweets der letzten Nacht, checke die Emails, schau was auf Facebook los war. In den letzten Stunden seit ich die Äuglein geschlossen und mich der Nacht in die Arme geworfen hatte, kann ja so viel passiert sein. Meistens ist es das nicht. Oft sind es kleinere Belanglosigkeiten, Nichtigkeiten, die ich konsumiere. Obwohl – so richtig konsumieren kann ich das auch nicht nennen, denn die Nachrichten und Tweets und Mails fluffen an mir vorbei, ohne das mir großartig die Inhalte im Gedächtnis bleiben. Das was ich für potentiell tiefergehend interessant empfinde, merke ich mir: ich setze Bookmarks, favorisiere Tweets zum späteren „geistigen Verzehr“ (der nur immer seltener stattfindet) und … manchmal retweete oder share ich diese auch gleich. Merkst du was?

Ich merkte es neulich morgens in besagtem vollen Zug: ich bewege mich in der Social Media Bubble. Das ist ein scheinbar unendlich weit offen stehender, künstlicher Raum, der mir das Gefühl gibt, Teil eines großen Ganzen zu sein und dort ein gewisse Rolle zu spielen. Eine klitzekleine Rolle. Und ich bin in dieser Bubble nicht allein: jenen Morgen im Zug nahm ich ich-weiß-nicht-wieviele Fahrgäste war, die ihrer Arbeit entgegen…. ja was eigentlich … Wirklich locker und froh sah keiner aus. Es war für mich auch schwer abzulesen, denn … ungefähr 60% daddelten auf ihren Ebook-Readern, Smartphones, Tablets, Pads etc.

Ich sah mich irritiert um und musste grinsen: lauter Irre hier. Und ich bin einer von ihnen. Nur das dies im realen Leben war und nicht in der Virtualität. Nur das dies offenbar überhaupt keinen Unterschied machte: „jeder“ kommunizierte mit anderen, aber virtuell. Und nicht von Angesicht zu Angesicht. Wieviele von meinen Mitfahrern war überhaupt bewußt, dass sie gerade Mitfahrer waren, die mit anderen Menschen mitfahren! Mit richtigen Lebewesen. Ach du meine Güte!

Da ist ein Raum voller Leute und jeder ist mit vielen nur für sich beschäftigt.

Ok – ich bin zwar kein Morgenmuffel, aber besonders kontaktfreudig bin ich morgens auch nicht. Insofern hätten andere Erdlinge vermutlich auch nicht viel Spaß mit mir. Aber ich war dann doch einigermaßen erschrocken über diese Bubbles, in denen offensichtlich sehr viele Menschen leben und an denen das echte Leben wie eine Bahnfahrt vorbeizieht. Das Hochgeschwindigkeitsleben durch einen Tunnel, der mit wahnsinnig vielen Bildern und Texten ausgekleidet ist. Aber eben nur Abbildern irgendeiner Realität, die doch nur einen Schritt weit weg sein kann!

Am Ziel steigen sie dann aus und eilen davon, kaum dass sie bemerkt haben, dass sie da sind, denn noch immer haftet ihr Blick am Display. Erstaunlich, dass nicht mehr körperliche Kollisionen auf Bahnsteigen stattfinden!

Wenn ich aussteige ist das Handy weg. Dann versuche ich in letzter Zeit immer mehr bewußter meinen Blick umherschweifen zu lassen. Das macht oft Spaß! Ich echt jetzt! Und wenn ich etwas besonders Tolles sehe oder mir etwas richtig gut gefällt, dann zücke ich mein Smartphone, mache ein Foto und jage es in meine Social Media Bubble! Orrrrrrrr. Und später schaue ich dann neugierig nach, wievielen anderen Bubblern mein Foto gefallen hat und schaue mir ihre Fotos an und lese was die gemacht haben und … Ein Teufelskreis.

Tja und dann finde ich einen Link zu diesem Video in meinem Postfach und ich fragte mich: Warum habe ich diesen Link bekommen.

Ich werde darüber sehr intensiv nachdenken müssen. Und reden … mit anderen. Außerhalb meiner Bubble. Und wisst ihr was? Ich habe so das Gefühl, dass ich dann wieder viel mehr Input für meine „Sicoal-Media-Bubble“ finden werde, die ich aktiver gestalten kann. Die dann nicht mehr meine Bubble ist, sondern ein Teil meines Lebens – meines realen Lebens. Und nicht umgekehrt.

Denn – wie fällt mir auch neuerdings immer öfter ein: Die besten Landschaftsfotos macht man in der Natur. Und nicht im Geiste in der Natur.

Und jetzt mache ich Abendessen für meine Bande, die gleich hungrig einfällt und jede Menge zu erzählen haben wird. Ich freu mich drauf!

Erschreckt ihr auch manchmal vor euch selbst?

2 Antworten

  1. EMJAAK sagt:

    Wahnsinn … wie Recht du doch hast… Das Video erinnert mich an einen kranken Hund, und die Industrie reagiert auf diese Bubbles… Wenn wir virtuelle Haustiere füttern werden weniger echte Haustiere krank … Siehst du worauf ich hinaus will? Bald bekommt man beim Doc so nen Kragen, damit man sich mal wieder auf die wesentlichen Dinge des Lebens konzentriert… Nur so als Tipp: Wir haben eine Regel daheim beim Essen und Gesprächen ist smartphonefreie Zeit und im Urlaub so wenig wie möglich… Das schont den Akku und die Nackenmuskulatur 🙂

  1. 16. März 2014

    […] Rippen – maskiert als Youtube-Video. Diese digital-ruppige Aktion bewirkte immerhin, das ich in mich hineinlauschte und dort auf interessante Dinge stieß, welche meinen Umgang mit den sozialen Medien angeht. Besonders die Nutzung des Smartphones. […]

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