Haare sind überbewertet

Es gab mal eine Zeit, in der ich ziemlich verrückt war. Das äußerte sich damals in einer ziemlich kurzlängigen Frisur, welche aus weißen Haaren bestand. Jawohl – ich hatte die beim Frisör bleichen lassen. Ich mochte damals Scooter ziemlich gern. Vermutlich färbte das ab. Die Haarlänge betrug damals völlig wahnsinnige 9mm. So etwas hatte es vorher bei mir nie gegeben. Dann wurde ich 30! Das erklärt vieles.
Die Integralrechnung hatte ich lange vergessen, da ließ ich mir sogar ein Loch in mein Ohr stechen! Darin steckte dann ein Ohrstecker mit einem kleinen Brillianten drin. Heute kann ich nicht mehr erklären, warum ich das hatte machen lassen. Ich weiß aber, dass dahinter eine Frau steckte. Wie so oft im Leben eines Mannes. Ich wurde rebellisch und kam mir unglaublich cool vor.

Nach dem Ohrstecker und einigen „weiße-Haare-Prozeduren“ reichte mir auch das nicht mehr und ich färbte mir die Haare blau. Da war ich schon jenseits der 30! Die Sache mit den blauen Haaren war insofern ein Knaller, dass den Montag nach dem blauen Frisörsamstag der Fotograf in die Firma kam und uns für den weihnachtlichen Firmengruß ablichtete. Plötzlich sah es so aus, als hätte ich extra für diesen Anlaß die Corporate Identity verinnerlicht. Diese war ziemlich blau. Dabei hatte ich nur extracool aussehen wollen. Für mich! Und ich wollte ein wenig damit angeben, wie total plemplem (umgangssprachlich für durchgeknallt) ich damals war. Jetzt hängt im Schulungsraum der Firma noch immer diese Weihnachtskarte im Großformat und ich lächele den Engel mit blauen Haaren. Ach du meine Güte.

Ich gründete eine Familie und wurde Vater und ruhiger. Das muss man als Vater unbedingt sein, denn sonst dreht man durch. Als Familienvater erst recht. Unverheiratete und kinderlose Väter haben keine Vorstellung davon wie ruhig man werden muss, sobald man die Tapferkeitsauszeichnung am Finger offen zur Schau stellt und von kleinen Menschen „Vater“ angebrüllt wird. All dies führte aber zumindest dazu, dass ich keine Experimente mehr mit Haaren und Ohrlöchern machte. Ich tendiere zwar immer noch zu sehr kurzen Haaren, das ehemalige Ohrloch ist aber zugewachsen.

Mein Frisör freut sich immer mich zu sehen, denn ich bin für ihn einfach verdientes Geld. Da sein Hairstylinginstitute auf dem Weg zum Büro liegt (wenn ich nicht mit dem Fahrrad unterwegs bin) mache ich spontan einen Abstecher zu ihm, sobald ich das Gefühl habe es nötig zu haben. Dann setze ich mich in den Stuhl vor den Spiegel, wäge mit dem Meister kurz zwischen 6mm – 12mm ab und dann geht’s ruckzuck. Wenn es ganz gemütlich wird, lasse ich mir sogar die Augenbrauen zurechtstutzen. (Was für ein Geständnis!) Eine Schere sehen meine Haare dabei weniger. Sie bekommen nur den „Rasenmäher“ zu schmecken. Mehr brauchen sie auch nicht mehr, denn es werden sowieso immer weniger Haare auf meinem Kopf. Das aber liegt am Alter. Vermutlich auch an anderen Faktoren, aber ich habe noch nicht sicher feststellen können, ob das stimmt.

Später dann legten wir uns in der Familie einen Langhaarschneider zu und meine holde Angetraute übernahm den Job des Frisörmeisters. Auf diese Art und Weise sparten wir so manchen 10€-Schein, den ich aber auch dem Herrn Frisör gegönnt hätte.

Vorgestern Abend wollten wir wieder sparen.

Die Wolle fiel in rasanter Geschwindigkeit von Kopf.

Was noch folgen sollte war der finale Feinschliff.

Es wird jetzt ganz schön spannend, oder?

Nicht?

Egal. Pass auf …

Meine Frau setzte an und schliff fein. Nur um wenige Zehntelsekunden später entsetzt innezuhalten und laut „Scheiße!“ und „Verdammt“ zu rufen und plötzlich an Gott zu glauben begann, weil sie doch ständig „Oh Gott“ rief. Ich dachte sie will mich verulken, denn das Spielchen war mir nicht fremd. Da die Stoßgebete aber nicht nachließen, erhob ich mich und begab mich ins Bad. Dort hängt ein Spiegel. „Spieglein, Spieglein an der Wand ….“. Ich besah mich mit ernstem Gesichtausdruck. Meine Augen wanderten über die wohlgestutzten Haare auf der rechte Seite. Danach irrten sie an den ausgeprägten Lücken im Zentralgestirn meines Hauptes vorbei zur linken Seite. Das war die Seite mit dem begonnenen Feinschliff. In einem recht großen Teil der linken Frisur fehlten die eh schon kurzen Haare. „Wenn man das korrigieren müßte, braucht man mehr Haare als gerade noch zur Verfügung stehen.“, dachte ich mir. Meine Erfahrung lehrt mich aber, dass einmal entfernte Haare nur durch die Zeit zurückgewonnen werden können. Zeit die ich nicht hatte. Immerhin musste ich ja gestern, was vorgestern noch morgen war, wieder ins Büro.

Durch einen einzigen unachtsamen Feinschliffansatz war der Abend aus den Fugen geraten. „Ich habe das nicht gewollt!“, hauchte es an meiner Seite. „Es tut mir so leid. Was machen wir jetzt?“

„Ab. Alles.“, erwiderte ich unsicher. „Das ist die einzigste Chance die wir haben. Außerdem weiß ich dass du das nicht gewollt hast. Kann mal passieren.“
„Ist nicht so schlimm.“

Tja und dann begann ich einen Eindruck von der Entgültigkeit zu bekommen. Das eh schon lichte Haar wurde auf mein eigenes Geheiß gnadenlos abgehobelt. Anschließend rasierten wir noch den kahlen Schädel, weil es sonst „ungewollt“ aussehen würde. Wenn schon Kahlkopf, dann bitte auch so als wenn es gewollt ist.

Nach der Prozedur hob ich den Kopf und blickte in den Badspiegel. Ich sah … wie soll ich das beschreiben?
Ich sah einen Kopf, der dem meinen ziemlich ähnlich war, dem jedoch die Haare fehlten. Im Grunde bin ich ja gewohnt in mein Antlitz zu schauen. Nur bisher zierten zumindest minimal 6mm lange Stoppeln den Schädel. Selbst die waren jetzt weg!

„Das hattest du noch nicht“, dachte ich so bei mir. Ich erschien selbst mir ein wenig fremd, wie ich mich so interessiert anstarrte. „Habe ich eine Mütze?“ Die Frage schoß mir durch das Hirn, suchte erfolglos nach einer Antwort und vekrümelte sich wieder.

Sachte fuhren meine Hände über nackte Kopfhaut. Es fühlte sich glatt an, durchsetzt mit kleinen Stoppelstellen. Ganz gründlich war die Verlegenheitsrasur dann nicht gewesen. Verständlich bei der plötzlichen Aufregung. Aber die Stellen waren so kaum zu sehen. Da – wo vorher schon keine Haare gewesen waren – also im Gesicht und auf der Stirn – war die Haut rötlich gefärbt. Das habe ich statt Bräune! Mein inoffizieller Spitzenname, den nur ich bei mir benutze, ist Winnetou. Jetzt wisst ihr warum!
Da wo bis vor 20min noch Haare gewesen waren, graute der Haut. Ähm … war die Haut grau. Klar – keine Sonne! Das sah schon ein wenig absonderlich aus. Doch mit ein wenig Pigmentierungsanregungsstrahlen würde sich das sicher legen.

Ich setzte meine Brille auf. Die machte das Bild nicht besser. Aber auch nicht schlechter. Vielleicht einen Touch intelligenter. Das redete ich mir ein. Und es war nicht unangenehm.

Insgesamt verblüffte mich das Ergebnis der plötzlichen, vollendeten Kopfkahlheit mehr. Geärgert habe ich mich über das Fehlen jeglicher Frisur überhaupt nicht. Bin zum Zeitpunkt des Erkennens hatte ich das Prozedere um meinen Entschluß mit stoischem Gleichmut über mich ergehen lassen. Immer wieder beteuernd, dass „es nicht so schlimm ist.“ Ich weiß nicht wie oft ich sagen musste, dass „es mal passieren kann“. Ich selbst fand, dass es eigentlich nicht passieren sollte, aber das sagte ich nicht.

Mir war, als würde meine innere Neugier permanent den Daumen hochstrecken und den Abend liken was das Zeug hällt. Von allein und aus freien Stücken wäre ich vermutlich nie auf die Idee gekommen, es mal mit einer Glatze zu probieren. Obwohl ich mir hin und wieder versucht habe vorzustellen, wie das wohl sei und wie ich aussehen würde. Das Schicksal hatte Montag, den 16. April 2012, dazu auserkoren, mir diese Frage zu beantworten.

Und jetzt?

Ich mit Glatze .... :-)Heute, zwei Tage nach dem „haarigen Unglück“, finde ich immer mehr Gefallen an dieser „Nichtfrisur“. Ich hatte beschlossen, auf keinerlei Vertuschungsversuche zurückzugreifen, sondern wie ein Mann dazu zu stehen und das beste daraus zu machen. Das Wichtigste dabei erschien mir darin zu liegen, auf keinen Fall so zu tun, als wäre es ein Unfall gewesen. Vielmehr trug und trage ich meinen Kahlkopf selbstbewußt durch die Gegend. Es gefällt mir. Ich bin so cool. Ich könnte mich daran gewöhnen.

Und – ja: ich habe verziehen. (Eigentlich war ich ja nicht mal böse gewesen. Aber: psssst!)

Was ist dazu noch zu sagen.
Die Kollegen im Büro reagierten wie erwartet: irritiert, belustigt, gar nicht. Selbst langjährige Zugbegleitungen ließen sich nichts anmerken. Viele Menschen die mir begegneten würdigten meine Glatze keines Blickes. Diese Ignoranten!

Und ich?
Ich fahre mir hin und wieder erstaunt mit den Finger über den Kopf, spüre bereits das Nachwachsen neuer Haare und beschäftige mich mit der Frage, ob ich das überhaupt noch will. Möchte ich meine frisch gewonnene, visuelle Verwandschaft mit Bruce Willis so schnell wieder aufgeben?
Jetzt warte ich noch ab, bis mein Dreitagebart da ist (der bei mir immer 5 Tage braucht oder so). Wenn das dann richtig cool aussieht ….

3 Antworten

  1. ichhebgleichab sagt:

    Also mir gefällt es 🙂

  2. Michael G sagt:

    Ja und wie Haare überbewertet sind. Ich fand das sogar schon mit 17 und habe damals mir die Haare ausgehen lassen:-) Toller Post!

  3. Ilse Anton sagt:

    Sieht doch Cool aus.“ Ob Frau das auch tragen kann „? Frag ich mich immer.
    In meinem Alter ( 80 ) kommen jetzt die ersten lichten Stellen.Hatte den Gedanken schon oft,aber hab ich auch den Mut damit auf die Strasse zu gehen ?

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