Freddy ist verwundet – ein merkwürdiger Tag

Heute ist’s irgendwie total merkwürdig zugegangen. Ich frage mich, ob das alles ein Hinweis auf das Alter ist oder ich nur allgemein gerade etwas durch den Wind bin.

Dabei fing der Tag ganz ordentlich an. Die morgentlichen 24km mit dem Rad ins Büro liefen erstaunlich gut. Erstaunlich deshalb, weil sich die knapp 10°C recht herbstlich anfühlten. Dennoch hatte ich mich nur für ein leichtes Langarm-Shirt über dem Radtrikot entschieden. Die Füße steckten nackt in den Sandalen. Im Gegensatz zu vielen anderen Morgenradlern, die einen auf Winter machten mit ihren dicken Jacken, Mützen und Handschuhen(!). Was machen die erst wenn’s kalt wird?
Ich spulte die Kilometer routinemäßig ab. Im Wald nahe Oberzell drehte ich gar eine kleine Extrarunde – es war einfach berauschend, wie die Sonne durch das Blätterdach schien. Nachdem ich das Flutlicht durchquert hatte, drehte ich einfach um, zückte das Handy und fuhr den Weg filmend noch einmal. 🙂 Dummerweise musste ausgerechnet jetzt ein Radler entgegenkommen und doof gucken. Auf dem Teilstück treffe ich morgens sonst maximal zwei junge Schäferhunde mit ihrem zweibeinigen Leitwolf.
Das Video ist nicht zeigenswert – ich hab’s mir eben angesehen. Die Bilder geben die Erhabenheit des Morgens nicht annähernd wieder. So ein Handy ist halt videotechnisch auf einem Rad nur eine Hilfskrücke.

Sonnenlicht

Sonnenlicht! Eine ältere Aufnahme, aber so in etwa sah’s heute Früh im Wald auch aus, bloß das da viel mehr Bäume waren!

2km vor dem Ziel bemerkte ich einen weißen Transporter, welcher sich an mir vorbeischob. Ich sah zu, dass ich möglichst weit rechts blieb, damit der mich sicher passieren kann. Überraschenderweise hielt sich der Wagen aber genau neben mir, was mich zu einem erstaunten Blick auf meinen Tacho verführte, der jedoch keine sagenhaften 56,41km/h anzeigte. Ich blickte neugierig zum Wagen und versuchte meine Linie zu halten. Die Scheibe der Beifahrertür fuhr herunter und mich grinste ein Bürschlein wie ein Honigkuchenpferd an. Als der Bub sich meiner Aufmerksamkeit sicher war, hub er zu sprechen an: „Wissen Sie, dass Sie eine Mörder-Acht im Hinterrad haben?“

Ich ließ mein Gefühl Richtung Hinterrad gleiten und lauschte. Nichts. „Nö.“, erwiderte ich und richtete meinen Blick aufmerksam nach unten, hinten. Zwischen meinen Beinen hindurch eierte mein Hinterrad recht unelegant. Das Wort „Scheiße!“ manifestierte sich im Hirn. Zum Transporterfahrer gewandt, bedankte ich mich für seinen Hinweis – und mit einem „Ich würde das schnell richten lassen!“, legte der einen Zahn zu und hängte mich spielend ab.
Vorsichtig drosselte ich meine eh nicht hohe Geschwindigkeit weiter und beobachtete das Hinter-Ei vom Fahrrad. Außerdem achtete ich auf etwaige komische Blicke von Passanten, die mir entgegen kamen. Die ließen kein Erstaunen oder Erschrecken erkennen, so dass ich davon ausging, den Schaden relativ unbemerkt bis zum Büro zu manövrieren. Die paar Meter bis dorthin gelangte ich zu der Erkenntnis, dass ich mit einem so verwundeten „Freddy“ wohl nicht mehr heimfahren kann. Verdammt.

Ich weiß, dass nahe des Kauflands in Ravensburg eine Fahrradwerkstatt war. Ich rief dort an und fand freie Kapazitäten vor. Prima. Kurz vor dem Mittag lieferte ich den Patienten dort ab. Neben der Acht-Korrektur bestand ich auf einem Austauschen der Kette. Die jetzige hat nun ca. 3000km auf dem Buckel und irgendjemand hatte mir mal ans Herz gelegt, eine viel beanspruchte Kette alle 2000-2500km zu wechseln. Das wäre besser für die Zahnkranzkassette und so ein Kettentausch ist Faktor X mal billiger als alle Jahre ne neue Kassette. Ich habe mir das gemerkt.

Außerdem bemerkte der geschulte Fahrradwerkstättler, dass mein Hinterrad mit einem Slick bereift ist. Ein Profil war gerade noch zu erahnen – mehr nicht. Ok – ich war eh der Meinung, dass meine Bereifung schon erstaunlich lang ihren Dienst verrichtete. Ich schätze die Fahrleistung der alten „Schwalbe Marathon Plus„-Mäntel(*) auf gute 11.000 – 12.000km. Beeindruckend, nicht? Die Dinger sind zwar wesentlich schwerer als normale Radmäntel, aber – unkaputtbar. Und tatsächlich hatte ich die mehr als zehntausend Kilometer keinen Platten gehabt. Außerdem beansprucht mehr Gewicht auch mehr Muskelarbeit, was ich wiederum als gut für’s Ego erachte. Ich fahre keine langen Strecken im Jahr, aber die vielen kurzen müssen dafür fordernd genug sein. Und das tun sie. 🙂

Freddy war also gesundheitlich versorgt und ich verbrachte den lieben langen Tag im Büro mit Softwarefehlern mystischer und anwenderprovizierter Natur. Normaler Alltag, wenn es nicht inzwischen so viele Probleme wären, die meiner Aufmerksamkeit harren. Ich könnte gut und gern 3 Wochen ein Schild an die Tür und an meinen Telefonanschluß hängen, auf dem steht: „Keine neuen Probleme und Aufgaben mehr. Bitte. Danke.“ Dann hätte ich Gelegenheit all die Dinge mal zu erledigen, die ob des Tagesgeschäfts liegen bleiben. Im Moment jedoch ist so kein Land in Sicht. Aber aufgeben gilt nicht – ich wurstel mich weiter durch. Immerhin ist das der Job den ich sehr gern mache. (Auch wenn ich vermutlich was anständiges hätte lernen sollen, was mich darauf bringt, dass ich sowieso was ganz anderes gelernt habe, als das was ich gerade und seit 17 Jahren schaffe.) Ich muss bei Gelegenheit einfach mal notieren, warum ich Softwaresupporter bin. Oder besser gesagt „Supporter der Herzen und Software-Archäologe“, wie es in meinem Xing-Profil steht.

Da Freddy bis zum Feierabend nicht gesundete, musste ich ja wohl oder übel mit dem Zug heimfahren. Auf dem Weg zur Haltestelle begegnete mir mein Ex-Kollege Jürgen S., mit dem ich einen kurzen Plausch hielt. Der kurze Austausch an Infos reichte ziemlich genau, um den (pünktlichen) früheren meiner beiden möglichen Züge sicher zu verpassen. Das ist nicht schlimm, denn der zweite Zug fährt normalerweise etwas mehr als 10min später.
Nicht so heute … „Verzögerungen im Betriebsablauf“ bei der Bahn bremsten den Zweitzug um sagenhafte 15min aus. Ich kalkulierte, dass ich damit meinen Bus in Friedrichshafen abschreiben konnte. Ich stöhnte leise auf.

Der Zug kam dann wider Erwarten wirklich ca. 15min später. Mein Bus war weg. Laut Anzeige am Bahnhof Friedrichshafen würde in 11min die Linie 11 gen Markdorf fahren. „Auch gut.“, dachte ich bei mir. Steige ich halt an der Girishalde aus und latsche das Stückchen heim. Nach 6min kam der 11er Bus und ich stieg ein. Ich wußte, dass irgendwann vor ein paar Monaten die Routen der Linien 12 und 11 geändert wurden. So war ich gespannt darauf, wo der 11er langfahren würde. Er fuhr zunächst mal wie der 12er Bus. Ich mutmaßte, dass er in Fallenbrunnen die 12er Route verlassen würde. Der Busfahrer scherte sich nicht darum und fuhr weiter wie ein Zwölfer. Ok – Planänderung, überlegte ich. Der Bus wird dann wohl gen Krankenhaus fahren, um ggf. Schnetzenhausen anzusteuern und von dort aus gen Markdorf zu fahren. Ich beschloß, bereits am Kaufland in Manzell auszusteigen und den Rest zu Fuß zu gehen. Ein wenig Bewegung würde die fehlenden Radkilometer ein bisschen ausgleichen. Ich stieg also aus und beobachtete, wie mich der Bus überholte und sich weiter wie ein 12er-Bus benahm. Ich schüttelte den Kopf und bemerkte jetzt, dass am Bus tatsächlich eine „12“ prankte. Häh? Am Bahnhof war der Bus doch eindeutig als „11“ angekommen? Wann zum Geier mutierte der zur „12“?
Ich wunderte mich gar schrecklich und kam aus dem Grübeln gar nicht richtig raus. Dürfen Busse geschaffte Mitmenschen dermaßen verarschen? Ist das gesetzlich erlaubt?

Nun – jetzt sitze ich seit Wochen mal wieder schreibend vor dem Rechner. Immerhin führte das zu diesem Text, den du vielleicht bis hier her gelesen hast. Wundern würde ich mich nicht, wenn du diese Zeilen am Ende gar nicht mehr liest, denn eigentlich ist dieser Tag nur in meinen Augen komisch verlaufen. Wie du das beschreiben würdest weiß ich nicht. Aber Danke, dass du solange durchgehalten hast. Vielen Dank.

PS: Im Grunde genommen ist dieser Text nur eine Bestätigung dafür, dass ich mich noch immer einfach hinsetzen und lostippen kann. Ich meinte, das verlernt zu haben.

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