Der Tag der Entscheidung

Ich habe es getan. Ich habe es wirklich getan. Nach gut 3 Jahren voller Wünsche, Flüche, imensem Zögern, zerstörerischer Zweifel und totaler Vernunft ist letzte Nacht der entscheidende Groschen gefallen, das auslösende Bit umgekippt.

Ich habe gerade eben auf den seit Jahren lockenden Button „Jetzt kaufen“ gedrückt.

Ich habe mir soeben einen neuen Computer gekauft.

*Stöhn*

Um das langwierige Abwiegen von Für und Wider zu verstehen, muss ich dich ein wenig in die Vergangenheit schauen lassen.

Vor nun 7 Jahren kaufte ich mir die Maschine, auf der ich diese Zeilen gerade tippe. Das ist ein Dual-Core PC mit einer AMD-CPU, 2 GByte RAM, einer GForce 880 GT und einer 320 GByte Festplatte. Ich weiß gar nicht mehr, was das Teil damals kostete. Oder habe ich gar die Grafikkarte nachgekauft gehabt? I don’t know. Es ist lange her. Irgendwann hatte ich die Nase voll gehabt von der Grafikkarte und tauschte diese gegen eine Sapphire ATI Radeon HD 4870 Vapor-X. Mein Lieblingsspiel „Hellgate London“ lief damit in höchster Auflösung prima und ich hatte viel Spaß damit. 

Natürlich spielte ich nicht nur mit der Maschine. Ich arbeite eigentlich mehr mit dem Computer: Webseiten erstellen, Texte schreiben, Bürokram, Fotos bearbeiten … all das gehörte zum Leistungsspektrum, welchem mein braver Computer auch lange gewachsen war.

Natürlich vermüllt so ein System so nach und nach. Das inzwischen installierte Windows 7 wurde mit der Zeit immer langsamer. Immer häufiger stieß ich an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. Den ersten brachialen Knacks erfuhr mein Verhältnis zu meinem Computer als ich vor ein paar Jahren in die Verlegenheit gebracht wurde, einen Film über unseren Firmenstandort erstellen zu wollen. Anläßlich eines großen KickOff-Meetings sollten sich die verschiedenen Standorte vorstellen. Ich war der „Erwählte“ für Ravensburg. Powerpoint-Gedöns kam für mich nicht in Frage und ziemlich schnell reifte in mir der Entschluß, unsere Präsentation in Form eines Videos zu machen. Weil gerade Vorweihnachtsszeit war und dann bei Amazon immer die Blitzangebote laufen, schnappte ich mir einen Sony HDR-CX130ER Full HD Camcorder. Damals saßen die Euronen bei mir noch etwas lockerer! Ich filmte einige Tage lang und wollte dann die Videoschnipsel zu einem frühmeisterlichen Werk meiner Videokunst zusammen schneiden. … Es sollte nicht klappen, denn mein Computer war viel zu schwach dazu. Oder meine Ansprüche zu hoch? Egal – hier drifteten unsere Wege erstmals richtig auseinander und ich musste das Schneiden auf meinem Firmennotebook machen, welches zwar auch eigentlich viel zu schwach dafür war, doch ich schaffte es in vielen ,vielen Stunden mit vielen, vielen Abstürzen. Insgesamt verpulverte ich letztlich ca. 50h meiner Lebenszeit in die Videoschnippelei. Ein Irrsinn!

In den folgenden Jahren hatte ich immer wieder kräftige Schübe in meiner schreiblichen Kreativität, die auf virtuelles Papier zu bringen mir gleichzeitig immer schwerer fiel. Denn ich hatte sehr häufig mit langen Wartezeiten am PC zu kämpfen. Was lange Wartezeiten für eine im Hirn umherkrakelende Idee bedeutete, kannst du dir denken: den Tod! Bis ich mal mit dem Schreiben anfangen konnte, waren viele Ideen verkümmert und gestorben. Statt dessen fluchte ich sehr oft lauthals vor mich hin und beschimpfte den Computer auf das Gemeinste!

Um es kurz zu machen: die letzten Jahre an diesem Rechner waren hart. Sie waren geprägt von unheimlichen Timeouts, in denen der Computer sich scheinbar von der Außenwelt abstöpselte, um sich ausschließlich mit sich selbst zu beschäftigen. Mich ignorierte er dabei nahezu vollständig. Und wenn ich dann mal was machen durfte, stürzte er immer wieder gnadenlos ab und verduftete ins Nirwana. Die darauffolgenden Neustarts zogen sich immer länger hin. Die Rekordzeit vom Einschalten des Rechners bis zum ersten geschriebenen Wort lag glaube ich bei ca. 25min. Die konnte die Kiste aber auch während des laufenden Schreibprozesses einlegen. Bevorzugt dann, wenn irgendwelche doofen Webseiten – die zu Recherchezwecken ich aufrufen musste – irgendwelche struntzblöde Videos oder Werbung laden wollten, die dann wieder den Plugin Container vom Firefox in den Wahnsinn trieben, was der natürlich direkt an den gesamten Rechner weitergab. Es war furchtbar! Meine Twitter-Follower und Facebook-Fans wissen ein Lied davon zu trällern.

Die Krönung passierte nun letzte Nacht.

Heute ist Tag der Offenen Tür in der Schule und Töchterchens Klasse hatte (wahnsinnig kurzfristig) entschieden, ein Video zum Thema Mobbing an der Schule zu drehen. Ich lieh meiner Tochter großzügig die oben bereits erwähnte Cam und die Mädels der Klasse drehten ihr Drehtbuch bis gestern Nachmittag ab.

Abends dann sollte ich daraus einen Film machen.

Wir begannen gegen 21 Uhr mit der Arbeit. Da mein Rechner gar nicht erst in die Nähe auch nur semiprofessioneller Videoschnittsoftware kommen darf, hatte ich vor einiger Zeit mal die Microsoft Live Essentials installiert, denen der Windows Live Movie Maker beiliegt – ein einfaches Videobearbeitungsprogramm für bescheidene Ansprüche. Meine Ansprüche waren bescheiden: das Video sollte die Szenen irgendwie miteinander verbinden, einen Vorspann und Abspann liefern, und das war’s. Nachvertonen wollte und musste ich nicht.

Wir ordneten die Videos über den Explorer in die richtige Reihenfolge, eröffneten ein neues Projekt im Movie Maker und fügten alle Videos ein. Insgesamt ca. 500MByte Videomaterial waren es. Beim Aufbereiten der Videos schmierte die Kiste das erste mal ab. Nach dem Neutart und der obligatorischen Wartezeit gingen wir behutsamer vor und luden ein Video nach dem anderen in die Software, wobei wir die einzelnen Sequenzen gleich mit Blenden verknüpften. Wir hatten unseren Spaß dabei. Knapp 2h später(!) – es war jetzt 23Uhr – hatten wir das Material vorbereitet und ich musste es nur noch als Film speichern. Erfahrungsgemäß dauert das immer. Töchterchen schlumpfte ins Bett und ich wollte die Restarbeiten bei einem Bier beobachten.

Der Fortschrittsbalken bewegte sich langsam aber stetig gen Endmarke … 90% …. 99% … 100%. Ich stöpselte schon mal den USB-Stick ein … da fror der Bildschirm ein. Nichts ging mehr. Gar nichts.

Ich bootete den Rechner neu.

Kurz vor Erreichen der Produktivitätsphase kippte offensichtlich die Grafikkarte um, bzw. stolperte ein Bit in ihr und das Ergebnis war ein verrücktes Streifenmuster auf dem Monitor. Auch das kenne ich zur Genüge.

Wieder Kaltstart ….

Der Rechner erwacht mit einem Summen … etwas piepst schwach, irgendwo klackt es kurz … Der Monitor bleibt schwarz und zeigte lapidar das „Kein Signal“-Schild.

Hmpf.

Ok … schalte ich eben nochmal aus, warte ein wenig und schalte wieder ein.

Kein Signal!

HILFE! Ich wollte doch nur noch den (vielleicht fertigen) Film auf nen USB-Stick kopieren! Ist das denn zu viel verlangt?

Gegen 23;30Uhr schraubte ich die Kiste auf und der Hauch des Todes drang aus dem Gehäuse hervor. Es war aber nur imens viel Staub. Ich holte den Staubsauger heran und reinigte vorsichtig den Innenraum. Besonders die Lüftungsschlitze waren versifft bis zum Gehtnichtmehr. Die Lüfter sahen entsprechend aus. Ein ähnliches, säuberndes Vorgehen hatte vor ca. 2 Jahren schon einmal für eine Verlängerung meiner Beziehung zu diesem Rechner geführt. Damals hatte ich mit ähnlichen Problemen zu kämpfen und eine liebevolle Reinigungskampagne stellte die Funktionsfähigkeit des Computers wieder her. (Ich fluchte derweil hinter vorgehaltener Hand wie ein Rohrspatz.)

toter Computer

Toter Compute oder nur verwundet?

Nach dem ersten Aussaugen schaltete ich erwartungsfroh den Rechner ein und … wurde enttäuscht. Keinerlei Verbesserung der Lage.

Ich entfernte die Sapphire aus ihrem Slot und pustete den mal richtig durch. Ein abermalige Wolke tödlichem Staubs stieg wütend daraus herauf und vernebelte mir die Sinne. Die Grafikkarte sah ansonsten leicht angedreckt. aber inzwischen nur noch leichtstaubig aus. Keine weiteren Auffälligkeiten. Ich steckte die Karte wieder in ihren Slot und schaltete den Rechner ein.

Nichts.

Die protzige Beleuchtung der Karte ging an, eine LED blinkte kurz, die Festplatte lief an und klickte merkwürdig … War vielleicht die Platte im Arsch? Ach nee – kann nicht sein, dann würde ich zumindest was auf dem Monitor sehen. Nee, nee — es musste die Grafikkarte sein, die zickte.

Strom bekam sie, sonst würde kein Licht angehen.

Ich zog die Karte noch mal raus, und steckte sie wieder rein. (Ein vielfach erprobtes Windowsheilsystem: Fenster zu, Fenster auf – geht wieder!)

Einschalten. Monitor schwarz. Ich tastete vorsichtig mit dem Finger in Richtung Grafikkartenkühler, der auf der mir abgewandten Seiten sag. Ratsch! Autsch. Der Lüfter läuft. Perfekt. Die Grafikkarte weigert sich aber hartnäckig, Grafiken zu zaubern.

Ich war mit meinem Latein am Ende.

Doch erinnerte ich mich, dass ich die alte GForce nicht weggeworfen hatte und begab mich auf die Suche. In meiner Erinnerung war da ein größerer flacher Pappkarton. Den ich natürlich nicht fand. Nirgends.

Ich schaltete resigniert den Rechner noch mal ein, doch das Ergebnis war das gleiche. Schwarz! Dann gab ich auf und ging ins Bett.

7h später ….

Heute Morgen nun suchte ich nochmal bei Tageslicht nach der alten Grafikkarte, nachdem ein erneutes Einschalten des Computers bewiesen hatte, dass die Zeit doch nicht alle Wunden heilt. Ich fand die Karte nicht. Die Verzweiflung in den Augen meiner Tochter reichte aber, um nicht aufzugeben. Ich fragte meine Frau, ob sie nicht weiß, wo … Aber nein. Keine Ahnung. Nach kurzer Zeit kam sie aber aus de Keller – in der Hand einen kleinen Pappkarton. Darin … die alte Grafikkarte! HOSSA! Ich musste die ganze Zeit dran vorbeigelaufen sein, weil meine Augen auf Hellblau fixiert waren!

Schnell schlurfte ich zum offenen Rechner, zog die Radeon heraus und steckte die GForce rein, stöpselte den Strom an und betätigte den Ein/Aus-Schalter des Computers … Die LED am Monitor blieb orange …. Nein, nein, nein! … Da wurde sie grün und die mystischen Zeichen der Bootsequenz erschienen auf der Mattscheibe! HAMMER!

Ich schaute nach, ob der Film da war.

Natürlich nicht. Das System war vermutlich just in dem Moment abgekackt, als das finale File geschrieben werden sollte. Logisch. Dieser gestrige Freitag, der 13. hatte seinem Namen wirklich alle Ehre gemacht!

Ich startete den Movie Maker, lud das gespeicherte Projektfile, ging auf Film erstellen und der Forschrittsbalken zur Filmerstellung erwachte zum Leben.

Er kam bis ca. 70% als der Rechner wieder abstürzte.

Ich startete neu durch, kickte alle Prozesse die unnötigerweise irgendwelche RAM-Fragmente belegten und startete die Filmerstellung erneut.

Und jetzt lief die Prozedur durch. Bis zum Ende! Die CPU war die ganze Zeit am Anschlag, der RAM-Verbrauch auch. Ich hatte aus Feedbackgründen den Leistungsindex des Taskmanagers mitlaufen lassen … daher weiß ich das.

FERTIG! Der Film war fertig! Ich kopierte sofort alles auf den USB-Stick!

Die Familie jubilierte.

Ich startete den Film und ließ die anderen den Streifen anschauen …

Plötzlich …

„Papa … PAPA … da ist was …..“

Oh nein ..

„Was ist?“

„Da kommt so bei 3min ‚Bitte hier Text eingeben‘. „

OMG … Ein irres Lachen entfuhr mir … Wir hatten gestern einen Fehler bei der Schneiderei gemacht. Ein Übergang war ohne (editierten) Text geblieben, vermutlich sollte er nur ein kleiner, erkennbarer Übergang sein. Ohne Erfahrungswerte mit dem Live Movie Maker hatte ich mich für das „Blendenelement“ entschieden und nicht daran gedacht, das der Text da stehen bleibt, auch wenn ich gar nichts eingebe.

Shit.

Außerdem stellte ich fest, dass ich einen Schreibfehler im Abspann hatte.

Ich lud das Projekt wieder in den Movie Maker und korrigierte die Fehler.

Leider umsonst …

Denn die nächsten 5-10 Versuche, das alles als Film zu speichern endeten in gnadenlosen Abstürzen. Manchmal bei 30%, manchmal bei 99%, einmal gar mit dem gefürchteten BlueScreen.

Das brachte das Faß zum überlaufen.

Während meine Tochter nun mit dem fehlerbehafteten Film in die Schule fuhr (aber sie hatte einen Film!), wärmte ich die Träume der Vergangenheit auf und stöberte in Rechnern + Komponenten ….

Tja und dann ….

Aber das kommt später. Dem „Neuen“ widme ich einen eigenen Artikel.
Draußen scheint die Sonne und ich habe viel zu viel Zeit mit dem ganzen Gedöns verballert … Es wird Zeit für Frischluft und Teddy wird sich gleich ein zweites Loch in den Hintern freuen, wenn ich mit ihm rausgehe … 🙂

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