Bye, bye privates Social Web (gekürzte Fassung)

Gestern Abend, pünktlich zum Jahreswechsel, vollzog ich einen scheinbar gewagten Schritt: ich schloß meinen Facebook-Account und verkündete offiziell das Ende aller privaten Aktivitäten auf Twitter. Mittels des Scheduler von Tweetdeck purzelten kurz vor dem Jahresshowdown die Meldungen über meinen Abschied ins Social Web. Ich löschte meine Timeline-Spalte in Tweetdeck und beließ nur die Mentions am äußersten Rand, wo sie nicht sofort sichtbar sind. Die Reaktionen auf den Ausstieg waren … kaum bemerkbar. Das lag das sicherlich daran, dass zu dieser Zeit viele meiner Freunde und Follower mit Feiern, Böllern und vielleicht auch schwankenden Perspektiven zu kämpfen hatten. Es gab keinen Aufschrei. Keine Fragen. Nichts.

Eine Analyse

Ich könnte nun als Grund für mein „Ende“ die gigantische Zeitfresserei von Facebook, Twitter und Co anführen. Das sind sie zweifelsohne. Mit Facebook und Twitter habe ich tonnenweise Informationen in mein Hirn gekippt bekommen. Darunter war viel wissenswertes und nützliches, die überwältigend größere Menge aber bestand aus „Rauschen“.

Und jetzt?

Keine fünfzigtausend Neujahrsgrüße von Leuten, denen ich nie begegnet bin. Keine Partybilder von Orten, die ich nie sehen werde. Keine klickibunten Bildchen mit Sprüchen, die nur eines wollen: meinen Like. Keine frohlockenden Ankündigungen vom achso herrlichen Urlaub 2016, der gerade gebucht wurde, von Leuten, die mich sowieso nicht mit auf die Reise nehmen.  Kein Gejammere über Kopfschmerzen und Zipperlein. Kein Zetern über Lügenpresse und unfähige Politiker. Keine verschwörerischen Absonderungen irgendwelcher verdrehter Wichtigtuer.

Die Liste ließe sich fortführen. Sie zeigt aber bereits jetzt das Ausmaß des (unwichtigen) Rauschens, welches immer mehr und mehr mein Hirn überflutete. Ich schaffte es letztlich nicht mehr, das Dauerfeuer auf meine Aufmerksamkeit in wie auch immer geartete handelbare Bahnen zu kanalisieren. Es fiel mir immer schwerer, mich der reißenden Kakaphonie einer in Wahrheit fernen, unwirklichen Gesellschaft zu entziehen und mich auf das zu konzentrieren, auf das Wert zu legen es sich lohnt: auf mich selbst. Ich geriet gegenüber mir und meiner direkten Umwelt immer weiter ins Hintertreffen.

Facebook und Co. sind in dem schon katatonisch zu nennenden Lebensstil eine einzigartige, willkommende Fluchtmöglichkeit in eine bunte Welt, wo jeder das sein kann was er will. Eine Welt, in der die Probleme des eigenen Lebens sehr, sehr leicht und bequem ausgeblendet werden können. Hier kann man der große Entertainer und begeistert gefeierte Geschichtenerzähler sein, während man außerhalb dieser Welt innerlich zu scheitern droht. Die Gier nach Bestätigung ist riesig. Bekomme ich für diesen Artikel viele Likes? Vielleicht sogar euphorische Kommentare für das, was ich schuf?

Meine langen aktiven Social-Jahre waren geprägt von vielen Tweets und Facebook-Postings, welche – im rechten Licht betrachtet – sehr, sehr viel Unsinn enthielten. Manches war unterhaltsamer Unsinn. Das liegt daran, dass ich gern unterhalte und mich freue, wenn andere meinen Humor teilen. Freudige Reaktionen auf Postings, die ich als „lustig“ empfinde, sind wie eine Extradosis Endorphin – sie machen kurzzeitig und oberflächlich glücklich. Aber ist es nicht eigentlich Dopamin?

Einige meiner Meldungen waren bestimmt für den einen oder anderen nützlich. Ich teile gern nützliches Wissen. Das tut mir gut! Das liegt mir scheinbar im Blut, denn sonst wäre ich wohl auch nicht Supporter geworden und hätte Schulungen gegeben. Ich halte es für eine meiner Stärken, über ein großes Maß an Empathie zu verfügen. Aber genau das ist in mancher Hinsicht eine Schwäche, wie ich feststellen muss.

Das Gros meiner Wortmeldungen waren aber einfach in die digitale Welt hinausgebrüllte Statements, die stets meiner aktuellen Verfassung entsprachen und eigentlich gar nicht für andere Augen bestimmt sein dürften. Schärfer ausgedrückt: es geht niemanden etwas an, wenn ich mich Scheiße fühle oder gerade gute Laune habe. Es interessiert auch niemanden wirklich. Wenn ich etwas lustiges von mir gab oder verbreitete, sorgte dies stets für mehr „Anteilnahme“, als wenn ich einen kleinen Blick in meine wahre Verfassung gewährte. Das ist verständlich, denn niemand will sich wirklich auch noch mit den Problemen einen Themenmixers beschäftigen. Zumal dieser Herr Themenmixer sowieso nur Andeutungen von sich gab und niemals das Problem beim Namen nannte. Zumindest im privaten Bereich habe ich das stets so gehalten. Trotzdem schleuderte ich mit diesen Andeutungen immer häufiger um mich.

Nun steht es in den Archiven des World Wide Web. Das mag im Moment auch nicht von Belang sein, aber es kann unter Umständen irgendwann gegen mich verwendet werden. So wie dieser Artikel hier. Meine, wenn auch verschleierte, Offenherzigkeit in privaten, persönlichen Dingen macht mich verwundbar bis ans Ende des Internets. Ich bin nicht amüsiert bei dieser Vorstellung. Denn wenn ich etwas wirklich, wirklich hasse, dann ist es Dinge nicht im Griff zu haben. Alles was ich im Netz von mir gebe, habe ich nicht mehr im Griff. Ich habe keine Angst davor, etwas im Web zu sagen, aber ich bereue viele Äußerungen, die ich unter normalen Umständen so niemals hätte posten dürfen.

Ein Rettungsanker

Die Deaktivierung meines Facebook-Accounts sowie der offzielle Abschied aus dem aktiven Twitter-Dasein des Themenmixers ist der Versuch, das Chaos-Rauschen einzugrenzen – es in wohldosierte Häppchen aufzuteilen und meine eigene Wahrnehmungs-Bubble auf ein erträgliches Maß einzuschränken. Es ist auch eine von mir selbst erzwungene Sprachbarriere.

Ich habe einen neuen, rein privaten Facebook-Account aufgebaut. Dieser Account ist nur für den wirklich engsten Personenkreis gedacht, den ich um mich haben möchte. Das impliziert ausdrücklich nicht, dass ich denen nicht mehr vertraue, die nun nicht mehr dazugehören! Ich möchte, dass du das verstehst. Das ist wirklich nicht böse gemeint.
Es lohnt nicht, mir Freundschaftsanfragen zu schicken: ich werde keiner zustimmen. Ich werde vielmehr den Kontakt zu dir selbst suchen, wenn ich es als notwendig erachte.

Ich habe auch einen neuen Twitter-Account. Mit diesem folge ich ausschließlich Menschen und Seiten, die mir (neben)beruflich und persönlich weiterhelfen können. Dieser Account ist ein ReadOnly-Account, d.h. er dient zum lesen von Nachrichten; nicht zum selber posten. Falls ich das doch mal machen werde, ist das ein bedauerlicher Ausrutscher meinerseits. 🙂

Mein Ausstieg aus dem Social Web ist also nicht vollkommen. Das kann ich mir nicht erlauben. Meine Präsenz im Social Web ist absolut unabdingbar und fester Bestandteil meines Plans zur Bewältigung meines Lebens, oder was auch immer ich dafür halte. Ich habe die notwendigen Präsenzen umgebaut und werde die folgenden Accounts wie folgt nutzen:

  • Facebook
    1. Themenmixer: hier werden zukünftig automatisch neue Artikel gepostet, die ich auf Themenmix.de veröffentliche. Wenn ich etwas neues schreibe, dann möchte ich auch das es gelesen wird. Es will doch irgendjemand lesen, oder?
    2. ichkochwas.de: hier poste ich wie bisher neue Artikel meiner Rezept-Seiten ichkochwas.de, schnellkochtopf-rezept.de, roemertopf-rezepte.de und lebkuchen-rezepte.de.
    3. Aktion.Bodensee: die Umwelt am Bodensee liegt mir nach wie vor am Herzen. Hier kommen stets aktuelle Beiträge zu Umweltthemen aus dem Netz wie auch von der zugehörigen Seite aktion-bodensee.de. Außerdem halte ich über diese Seite Kontakt zu den Sea Shepherds! Haltet die Ohren steif, Jungs und Mädels!
    4. Shopping.am.Bodensee: wird auch und hoffentlich verstärkt weiterbetreut von mir. News aus der Shopping-Welt am Bodensee, die primär auf bodensee-shops.de veröffentlicht werden,  findest du stets hier. Dazu gesellen sich wie auch bei „Aktion Bodensee“ Fotos, die ich neu auf bodenseeprojekt.de veröffentliche und sicher auch der eine oder andere Schnappschuß außer der Reihe.
  • Twitter
    1. @themenmixer: mein guter, alter Twitteraccount übernimmt von jetzt an nur noch das Seeding neuer Artikel hier auf Themenmix.de.
    2. @Schnellkochtopf: Wenn ich etwas neues auf Schnellkochtopf-Rezept.de veröffentliche, erscheint das vermutlich auch hier.
    3. @ichkochwas: ich denke, es dürfte nun leicht sein, hinter die Bedeutung dieses Accounts zu kommen.
    4. @BodenseeShops: sammelt alles neue und wissenswerte über die Themen rund um den Bodensee; also Einkaufen, Umwelt, Erlebnisse.
  • Pinterest: bisher eh immer stiefmütterlich genutzt, aber vielleicht ändert sich das ja mal.
  • Google+: Neue Postings auf meinen Seiten werden auch auf meinen Google+-Profilen erscheinen. Ist zwar fast bedeutungslos, aber halt noch da.

Angesichts der Vielzahl dieser unterschiedlichen Kanäle wirst du vielleicht die Stirn runzeln und dir denken: ‚Das kann nicht gut gehen!‘. Ich kann dir auch nicht zusichern, dass diese Liste lange Bestand haben wird. Doch wenn du dich für das eine oder andere Thema der Liste interessierst, rate ich dir, dem einen oder anderen Account zu folgen und so auf dem Laufenden zu bleiben.

Fazit

Ich habe keine Ahnung, wohin die Reise gehen wird. Ich habe nur den Eindruck gewonnen, dass es so nicht weitergehen kann, wie es bisher lief. Und dann las ich diesen einen Artikel (absichtlich nicht verlinkt) sowie die Kommentare dazu und mir fiel es wie Schuppen von den Augen: genau das dort Beschriebene trifft den Nagel so ziemlich auf den Kopf.

Damit endet dieser Erklärungsversuch plötzlich. Er ist offener und persönlicher geworden, als ich ursprünglich beabsichtigt habe und ein Paradoxon zu den getroffenen Aussagen. Ich bin mir dessen bewußt. Aber ich halte diese Offenheit für angebracht. Es ist nun mal meine Art; ich kann sie nicht verleugnen.

Warum poste ich eigentlich diese Erklärung für mein Handeln? Das ist eine wichtige Frage, und jeder, der im Netz über sich und sein Leben schreibt, sollte sich diese Frage aktiv bei jeder Äußerung stellen. Die ganz eigene Antwort auf die Frage sollte über den Klick auf den „Senden“-Button entscheiden.
Das ist ein kostenloser Tipp zum Abschluß.
Meine Antwort lautete: Weil ich möchte, dass man mich versteht und nachvollziehen kann, was mich zu dieser Handlung getrieben hat. Ich bleibe einfach so eine Art „Erklärbär“. Es gibt schlimmeres, was man sein kann. 🙂

PS: Dies ist die gekürzte Fassung meines ursprünglichen, umfangreicheren, persönlicheren Artikels. Ich habe entschieden, dass wesentliche Teile meiner Ausführungen eben nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Und deshalb habe ich sie wieder entfernt.

1 Antwort

  1. Schmitt sagt:

    Hey Jörg,
    auch wenn der Post schon etwas älter ist, kann ich dein Handeln komplett verstehen. Das ganze „Rauschen“ wie du es nennst frisst unheimlich Zeit. Aber das muss man erst einmal begreifen.

    Besonders gefällt mir dabei dieser Satz: „es geht niemanden etwas an, wenn ich mich Scheiße fühle oder gerade gute Laune habe.“ (Einzige Ausnahem sind hier aber Familie und Freunde 😉 )

    Aus diesem Zeitgrund habe ich meine Social-Media-Profile auch radikal gekürzt. Auf Facebook bin ich z.B. nur noch mit einem privaten read-only-Profil vertreten. Twitter habe ich schon länger verlassen.

    Ob oder wann ich für meine Webprojekte dort neue Profile anlege steht noch in den Sternen. Die damit „verlorene“ Zeit ist mir momentan zu wertvoll.

    Schöne Grüße

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